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Reiseland Sachsen Anhalt

Quelle: Franke
Pretzien an der Straße der Romanik


Nirgendwo in Deutschland trifft man romanische Bauwerke in einer solchen Dichte und Schönheit wie in Sachsen Anhalt. Die Romanik (zirka 950 bis 1250) war der frühe Baustil des Mittelalters, der vor allem mit den typischen Rundbögen an die Baukunst der Römer erinnert. Sehr viel der alten Bausubstanz ist durch Kriege, Brände und Zerstörung verloren gegangen, deshalb ist es immer wieder ein Erlebnis, erhaltene und restaurierte Kunstwerke der Romanik besuchen zu können.
Das Dorf Pretzien liegt etwa 25 km von Magdeburg entfernt zwischen Gommern und Schönebeck an der Alten Elbe. Wegen der unberührten Natur mit idyllischen Seen aus den ehemaligen Steinbrüchen  wird diese Gegend jährlich von vielen Menschen besucht.
Der Ort  wurde wahrscheinlich zwischen 650 und 900 als slawische Rundsiedlung gegründet. Sein Name stammt aus dem Sorbischen und bedeutet "Ort bei den Birken". Auf seiner höchstgelegenen Stelle ist schon von weitem  die altehrwürdige romanische St.- Thomas-Kirche zu sehen(Bild). Sie ist im Auftrage des Markgrafen Albrecht der Bär  1140 von Chorherren des  Leitzkauer Prämonstratenser -Klosters  aus einheimischen Quarzitbruchsteinen erbaut worden.  Durch ein gotisches spitzbogiges Doppeltor aus Bruchsteinen und klosterformatigen Mauerziegeln betritt man einen ehemaligen Friedhof. Die flachgedeckte Saalraumkirche mit eingezogenem Chor und halbrunder Apsis wirkt von außen recht bescheiden.
Dem Pfarrer Rüdiger Meussling, seiner Ehefrau, der Restaurateurin Maria Meussling und vielen freiwilligen Helfern ist es zu verdanken, dass dieses Kleinod auf der Straße der Romanik erhalten blieb, denn wegen massiver Bauschäden sollte die evangelische Dorfkirche 1971 aufgegeben werden. 1973  wurden bei einer Kontrolle der Wände durch die Restaurateurin gemalte Fresken aus der Zeit  um 1220/30 entdeckt, die zum künstlerisch wertvollsten Zeugnis spätromanischer Wandmalerei in Mitteldeutschland gehören. In mühevoller, sorgfältiger und oft unentgeltlicher Arbeit wurde über 4 Jahre die wertvolle Malerei, die Jahrhunderte unter sechs- bis neunfacher Übermalung und dickem Putz verborgen war, freigelegt und gesichert. Es wurden keinerlei farbliche Ergänzungen vorgenommen, das Institut für Denkmalpflege betreute diese Arbeiten. Die Apsismalerei zeigt den in einer Glorie thronenden Christus mit Maria und Johannes, die von Engeln umschwebt werden. Die Fresken  der Chorwände erzählen biblische Geschichten, wie die von den klugen und törichten Jungfrauen, von Isaak und seinen Söhnen.
 Neben dem Heiligengrab, dem romanischen Taufstein, dem Osterleuchter oder der modernen Christopheruskapelle findet der Besucher noch vieles Sehenswerte. Seit Jahren finden wegen der ausgezeichneten Akustik in den Sommermonaten Kirchenmusikkonzerte mit internationalen Künstlern statt.
Der technikinteressierte Tourist sollte natürlich auf keinen Fall versäumen, das Pretziener Wehr aufzusuchen, das 1871-75 zusammen mit dem 18 km langen Elbe-Umflutkanal gebaut wurde, um die teilweise katastrophalen Hochwasserschäden zu verhindern. Das technische Denkmal zählt zu den größten Schützentafelwehren Europas und erhielt auf der Weltausstellung in Paris 1889 eine Goldmedaille.

Doris Franke
(Ehrenamtliche Redaktion)



geschrieben / geändert am : 20.01.2012